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Wie wird man nicht Texter?

Geschrieben von Christian   
Freitag, 4. Juli 2008

Nicht Texter zu werden, ist einfacher, als Sie vielleicht denken. Um die Frage zu beantworten, wie man nicht Texter wird, sollten wir vielleicht erst einmal überlegen, was ein Texter ist.

LektorIch nenne mich selbst manchmal Texter, obwohl ich gar nicht so genau weiß, was damit gemeint ist. „Und, was machst du so?“, werde ich hin und wieder gefragt. „Ich bin Lektor“, sage ich dann, und um nicht erklären zu müssen, was ein Lektor so treibt, werfe ich dann hinterher: „Und Texter.“ Wahrscheinlich bin ich nur „Texter“ geworden, um nicht immer erklären zu müssen, was ein Lektor ist.

„Texter“, das hängt zusammen mit „Text“. Ist ein Texter einer, der Text verfasst? Dann könnte er doch auch Autor heißen, oder? Vielleicht auch einfach: Urheber. Text-Urheber.

Texter meinte ursprünglich bestimmt: Werbetexter. Denn die, die andere kleine Texte verfasst haben, Geschäftsbriefe oder dergleichen,  das waren doch eher Sekretäre. Und Sekretärinnen. Und wer Artikel, Reportagen, Kommentare für Zeitungen verfasst, das ist doch ein Journalist. Würden Sie den Texter nennen?

Der Texter textet also Werbetexte. Und andere Texte, die nicht journalistisch sind, z. B. Songtexte. Für weitere Gedanken ist es leider schon zu spät. Eine genaue Definition des Texters muss ich also schuldig bleiben. Vielleicht haben Sie ja eine Idee. Ist Texter ein Oberbegriff? Oder etwas sehr Spezielles?

Eigentlich auch egal, denn es geht ja um die Frage: Wie wird man nicht Texter.

Lesen Sie nun erst einmal den ArtikelTexte schreiben oder Blogger werden“ im Gründerblog, der vom Nicht-Texter Ihres Vertrauens verfasst worden sein muss.

Fertig? Fassen wir zusammen. Um nicht Texter zu werden, sollten Sie folgende Fähigkeiten mit sich bringen:

  • Freude am Schreiben
  • „Vormulierungsvermögen“ und Ausdrucksstärke
  • schnelle Auffassungsgabe
  • schnelles Finden von Synonymen
  • Finden treffender Beschreibungen oder Ausdrücke
  • Fingerfertigkeit; aber nicht unbedingt „10 Fingerschreiben“ (darauf komme ich noch zurück)
Außerdem rät der Fachmann für Nicht-Texten: Übung macht den Meister. Diesen Rat sollten Sie nicht beherzigen, wenn Sie tatsächlich nicht Texter werden wollen. Denn allzu viel Übung lenkt von den wirklich wichtigen Sachen im Leben ab, die da wären: Essen, Sex und Fernsehen.

Weiterhin erteilt der Spezialist für Nicht-Texten Ratschläge, wie man Auftraggeber findet. Wenn Sie nicht Texter werden wollen, dann sollten Sie diese Ratschläge befolgen. Denn von Auftraggebern gefunden zu werden, wäre der falsche Weg. Nur ein schlechter Nicht-Texter erwartet, dass ihn die Auftraggeber finden.

Als Nicht-Texter können Sie übrigens laut Gründerblog pro A4-Seite bis zu 50,– € verdienen. Das ist ganz schön viel Geld. Die besten Honorare allerdings werden Sie bei textbroker erzielen. Und berechnen Sie Ihre Texte unbedingt nach Worten. Legen Sie einen Preis für jedes geschriebene Wort fest, etwa 1 Cent. Benutzen Sie dann viele kurze Worte für Ihren Text, das bringt mehr Geld.

Ich möchte Ihnen im Folgenden noch einige weitere Ratschläge mit auf den Weg geben, die Ihnen dabei helfen werden, nicht Texter zu werden.  

 
Rechtschreibung + Grammatik = No Go!
Sie dürfen sich auch nie mit Ihrer eigenen Sprache beschäftigen, wenn Sie nicht Texter werden wollen. Die Regeln der Rechtschreibschreibung sind nichts als Normen, und solange für schlechte Orthografie nicht mit Gefängnis bestraft werden kann, brauchen Sie der Rechtschreibung keine Beachtung zu schenken.
Fangen Sie übrigens bloß nicht an, eine Fremdsprache zu lernen. Dann wird aus Ihnen nie ein ordentlicher Nicht-Texter. Latein und Altgriechisch sind tot, zeitgenössische Sprachen sind uninteressant, weil sie sowieso nur in Ihrer Muttersprache nicht texten werden.

Texten, nicht lesen!
Bücher, GoetheSie sollten nicht oder nur wenig selbst lesen. Lesen ist schlecht für die Augen, aber ganz besonders schlecht für Ihre Augen ist die Hoch- und Weltliteratur. Goethe, Schiller, Hölderlin, Dostojewski – was hatten die schon zu sagen? Waren ja auch keine Texter. Die konnten nicht schreiben, sondern nur Adjektive aneinanderreihen. Nehmen Sie doch einmal Hölderlin zu Hand:

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen!

Immanuel Kant, des Nicht-Texters größtes Vorbild
Falls Sie nicht Texter werden wollen, sollten Sie unbedingt Kant lesen:

Aber ob dieses zwar für sich ein der Erwägung nicht unwürdiges Objekt wäre, zu fragen: ob die reine Philosophie in allen ihren Teilen nicht ihren besondern Mann erheische, und es um das Ganze des gelehrten Gewerbes nicht besser stehen würde, wenn die, so das Empirische mit dem Rationalen, dem Geschmacke des Publikums gemäß, nach allerlei ihnen selbst unbekannten Verhältnissen gemischt, zu verkaufen gewohnt sind, die sich Selbstdenker, andere aber, die den bloß rationalen Teil zubereiten, Grübler nennen, gewarnt würden, nicht zwei Geschäfte zugleich zu treiben, die in der Art, sie zu behandeln, gar sehr verschieden sind, zu deren jedem vielleicht ein besonderes Talent erfordert wird, und deren Verbindung in einer Person nur Stümper hervorbringt: so frage ich hier doch nur, ob nicht die Natur der Wissenschaft es erfordere, den empirischen von dem rationalen Teil jederzeit sorgfältig abzusondern, und vor der eigentlichen (empirischen) Physik eine Metaphysik der Natur, vor der praktischen Anthropologie aber eine Metaphysik der Sitten voranzuschicken, die von allem Empirischen sorgfältig gesäubert sein müßte, um zu wissen, wie viel reine Vernunft in beiden Fällen leisten könne, und aus welchen Quellen sie selbst diese ihre Belehrung a priori schöpfe, es mag übrigens das letztere Geschäfte von allen Sittenlehrern (deren Name Legion heißt), oder nur von einigen, die Beruf dazu fühlen, getrieben werden.


Immanuel KantVerstehen Sie jetzt, dass es als Nicht-Texter unabdingbar ist, so viele Informationen wie möglich in einem einzigen Satz unterzubringen? Machen Sie fleißig Gebrauch von den Möglichkeiten, die Ihnen die deutsche Sprache bietet: Partizipien, Nebensätze, Verschachtelungen usw.
Kant sollte ab sofort der Schutzheilige aller Nicht-Texter werden. Sie müssen Kant übrigens auch lesen, wenn Sie verstehen wollen, was reines Denken ohne Anschauung ist. Kant kannte sich bestens aus mit der Welt: Sein enorm umfangreiches Wissen über die Länder der Erde hat er allein aus Lehrbüchern, Reisebeschreibungen usw. erlangt. Soweit ich weiß, verließ er Preußen nie.

 

Allgemeinbildung nein, Spezialwissen ja, learning by fernseeing
Allgemeinbildung ist äußerst unpraktisch, um nicht Texter zu werden, es sei denn, sie wird über das Fernsehen vermittelt. Aber: Sammeln Sie möglichst viel Spezialwissen. Studieren Sie, was das Zeug hält! Schauen Sie nie über den Tellerrand Ihres Spezialgebietes hinaus! Sie brauchen einen Kopf, der bis in die kleinste Ecke vollgestopft ist mit akademischem Fachwissen zu einem sehr speziellen Gebiet, etwa als Philologe, der sich im alten Athen besser auskennt, als in seiner Heimatstadt. Das bietet Ihnen optimale Voraussetzungen, um nicht Texter zu werden. Wobei Sie dann wohl eher als Nicht-Texter sehr akademische, seriöse und äußerst nützliche Fach-Nicht-Texte verfassen werden.

Falls Sie keinen akademischen Weg beschreiten wollen: sehen Sie fern. Auch das bildet. Im Fernsehen lernen Sie die wichtigsten Sachen fürs Leben. Etwa: wie man Model wird. Oder Sänger. Sie lernen fremde Länder kennen (denken Sie an Kant, Sie könnten dann Texter für Nicht-Reisetexte werden). Sie können durch das Fernsehen auch lernen, wie in einer Schokoladenfabrik Ihre Lieblingsschokolade von Maschinen produziert wird.

Dieses Fernsehen werden Sie brauchen. Denn als Nicht-Texter müssen Sie oft  Nicht-Texte zu ganz verschiedenen Themen schreiben: Reisen, Kredite, Autos, Mode, Wellness u.v.m. Sie sehen also, wie wichtig es ist, nicht öde Bücher zu lesen (außer Kant), sondern sich in die schillernde Gegenwelt des Fernsehens zu begeben. Aber bitte meiden Sie Sender wie Arte, die bringen einfach zu wenig Informationen über Kredite, Autos, Mode, Wellness.

Ein Klischee, aber wahr: Zeit ist Geld

TastaturWeil Zeit Geld ist, und Sie ja als Nicht-Texter viel Geld verdienen wollen, müssen Sie schnell schreiben. Am besten besuchen Sie erst einmal einen Kurs für Schnellschreiben. Je schneller Sie schreiben, desto besser für den Text. Ein Nicht-Text muss auch nicht überarbeitet werden. Zeit ist Geld, also machen Sie sich gleich weiter an den nächsten Text, nachdem Sie den ersten runtergetippt haben. Sie werden staunen, wie viel Nicht-Text Sie in einer Stunde verfassen können.
Nur schlechte Nicht-Texte müssen reifen wie guter Wein. 


Nicht umschréiben, sondern úmschreiben
Eine der wichtigsten Tätigkeiten beim Nicht-Texten ist das „Kopieren“. Sie wollen ja nicht texten, und dazu müssen Sie úmschreiben, was das Zeug hält. Als geeignet dafür hat sich User-generated-Content erwiesen, der in Massen vorhanden ist, Wikipedia z. B., oder Blogartikel. Als sehr geeignet zum Úmschreiben werden sich übrigens auch die Nicht-Texte Ihrer künftigen Nicht-Texter Kollegen erweisen. Merksatz: Ein úmgeschriebener Nicht-Text ist besser als ein Nicht-Text. Noch besser ist ein úmgeschriebener úmgeschriebener Nicht-Text.

Bloß nichts anderes als Nicht-Texte schreiben
BriefeAls Nicht-Texter, das ist der letzte Rat, den ich Ihnen für heute mit auf den Weg gebe, sollten Sie auch nie über Ihre eigene Textsorte hinaus texten. Journalistische Darstellungsformen sind viel zu schwierig zu beherrschen, fiktionale Texte sind Texte für Träumer. Ganz besonders gilt das aber für Briefe. Briefe sind altmodisch, selbst wenn sie durch ein modernes Medium wie E-Mail übertragen werden.


Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig bei Ihrer Berufswahl behilflich sein.

 

 

Abbildungen:  © Scott Maxwell - Fotolia.com (links oben), aboutpixel.de / 3 von x bänden © mp3_master (links unten), © Gerd Altmann / pixelio (rechts mitte), © Beth Van Trees - Fotolia.com (rechts unten)

 

Kommentare
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Klara  - Sich und seine Texte vermarkten   |04.07.2008. 13:32:49
Guter Beitrag! Meine erweiternde Anmerkung: Falls man als Texter etwas für den
Eigengebrauch verfasst hat, kann man es auf Plattformen wie Suite101 oder XinXii
vermarkten.
Christian   |04.07.2008. 13:47:31
Danke für den Hinweis, XinXii kannte ich noch gar nicht, werde ich mir mal
genauer anschauen.
Heike  - Nicht-Texter     |05.07.2008. 00:48:59
*schmunzel* - guter Beitrag, wobei bei my-hammer gibts jetzt bereits 250er Texte
für 50 Cent!
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