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Nicht Texter zu werden, ist einfacher, als Sie
vielleicht denken. Um die Frage zu beantworten, wie man nicht Texter
wird, sollten wir vielleicht erst einmal überlegen, was ein Texter ist.
Ich
nenne mich selbst manchmal Texter, obwohl ich gar nicht so genau weiß,
was damit gemeint ist. „Und, was machst du so?“, werde ich hin und
wieder gefragt. „Ich bin Lektor“, sage ich dann, und um nicht erklären
zu müssen, was ein Lektor so treibt, werfe ich dann hinterher: „Und
Texter.“ Wahrscheinlich bin ich nur „Texter“ geworden, um nicht immer
erklären zu müssen, was ein Lektor ist.
„Texter“, das
hängt zusammen mit „Text“. Ist ein Texter einer, der Text verfasst?
Dann könnte er doch auch Autor heißen, oder? Vielleicht auch einfach:
Urheber. Text-Urheber.
Texter meinte ursprünglich bestimmt: Werbetexter. Denn die, die andere
kleine Texte verfasst haben, Geschäftsbriefe oder dergleichen, das
waren doch eher Sekretäre. Und Sekretärinnen. Und wer Artikel,
Reportagen, Kommentare für Zeitungen verfasst, das ist doch ein
Journalist. Würden Sie den Texter nennen?
Der Texter textet also Werbetexte. Und andere Texte, die nicht
journalistisch sind, z. B. Songtexte. Für weitere Gedanken ist es
leider schon zu spät. Eine genaue Definition des Texters muss ich also
schuldig bleiben. Vielleicht haben Sie ja eine Idee. Ist Texter ein
Oberbegriff? Oder etwas sehr Spezielles?
Eigentlich auch egal, denn es geht ja um die Frage: Wie wird man nicht Texter.
Lesen Sie nun erst einmal den Artikel „Texte schreiben oder Blogger werden“ im Gründerblog, der vom Nicht-Texter Ihres Vertrauens verfasst worden sein muss.
Fertig? Fassen wir zusammen. Um nicht Texter zu werden, sollten Sie folgende Fähigkeiten mit sich bringen:
- Freude am Schreiben
- „Vormulierungsvermögen“ und Ausdrucksstärke
- schnelle Auffassungsgabe
- schnelles Finden von Synonymen
- Finden treffender Beschreibungen oder Ausdrücke
- Fingerfertigkeit; aber nicht unbedingt „10 Fingerschreiben“ (darauf komme ich noch zurück)
Außerdem rät der Fachmann für Nicht-Texten: Übung macht den Meister. Diesen Rat sollten Sie nicht
beherzigen, wenn Sie tatsächlich nicht Texter werden wollen. Denn allzu
viel Übung lenkt von den wirklich wichtigen Sachen im Leben ab, die da
wären: Essen, Sex und Fernsehen.
Weiterhin erteilt der
Spezialist für Nicht-Texten Ratschläge, wie man Auftraggeber findet.
Wenn Sie nicht Texter werden wollen, dann sollten Sie diese Ratschläge
befolgen. Denn von Auftraggebern gefunden zu werden, wäre der falsche
Weg. Nur ein schlechter Nicht-Texter erwartet, dass ihn die Auftraggeber finden.
Als Nicht-Texter können Sie übrigens laut Gründerblog pro A4-Seite bis
zu 50,– € verdienen. Das ist ganz schön viel Geld. Die besten Honorare
allerdings werden Sie bei textbroker
erzielen. Und berechnen Sie Ihre Texte unbedingt nach Worten. Legen Sie
einen Preis für jedes geschriebene Wort fest, etwa 1 Cent. Benutzen Sie
dann viele kurze Worte für Ihren Text, das bringt mehr Geld.
Ich möchte Ihnen im Folgenden noch einige weitere Ratschläge mit auf den Weg geben, die Ihnen dabei helfen werden, nicht Texter zu werden.
Rechtschreibung + Grammatik = No Go!
Sie dürfen sich auch nie mit Ihrer eigenen Sprache beschäftigen, wenn
Sie nicht Texter werden wollen. Die Regeln der Rechtschreibschreibung
sind nichts als Normen, und solange für schlechte Orthografie nicht mit
Gefängnis bestraft werden kann, brauchen Sie der Rechtschreibung keine Beachtung
zu schenken.
Fangen Sie übrigens bloß nicht an, eine Fremdsprache zu lernen. Dann
wird aus Ihnen nie ein ordentlicher Nicht-Texter. Latein und
Altgriechisch sind tot, zeitgenössische Sprachen sind uninteressant,
weil sie sowieso nur in Ihrer Muttersprache nicht texten werden.
Texten, nicht lesen!
Sie
sollten nicht oder nur wenig selbst lesen. Lesen ist schlecht für die
Augen, aber ganz besonders schlecht für Ihre Augen ist die Hoch- und
Weltliteratur. Goethe, Schiller, Hölderlin, Dostojewski – was hatten
die schon zu sagen? Waren ja auch keine Texter. Die konnten nicht
schreiben, sondern nur Adjektive aneinanderreihen. Nehmen Sie doch
einmal Hölderlin zu Hand:
Barbaren von alters her, durch Fleiß und
Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden,
tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück
der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der
Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und
harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein
Bellarmin! waren meine Tröster.
Es ist ein
hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein
Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker
siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester,
aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber
keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme
und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das
vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur
muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich
ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht
mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt,
nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein
Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist
nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen!
Immanuel Kant, des Nicht-Texters größtes Vorbild
Falls Sie nicht Texter werden wollen, sollten Sie unbedingt Kant lesen:
Aber ob dieses zwar für sich ein der Erwägung nicht unwürdiges Objekt
wäre, zu fragen: ob die reine Philosophie in allen ihren Teilen nicht
ihren besondern Mann erheische, und es um das Ganze des gelehrten
Gewerbes nicht besser stehen würde, wenn die, so das Empirische mit dem
Rationalen, dem Geschmacke des Publikums gemäß, nach allerlei ihnen
selbst unbekannten Verhältnissen gemischt, zu verkaufen gewohnt sind,
die sich Selbstdenker, andere aber, die den bloß rationalen Teil
zubereiten, Grübler nennen, gewarnt würden, nicht zwei Geschäfte
zugleich zu treiben, die in der Art, sie zu behandeln, gar sehr
verschieden sind, zu deren jedem vielleicht ein besonderes Talent
erfordert wird, und deren Verbindung in einer Person nur Stümper
hervorbringt: so frage ich hier doch nur, ob nicht die Natur der
Wissenschaft es erfordere, den empirischen von dem rationalen Teil
jederzeit sorgfältig abzusondern, und vor der eigentlichen
(empirischen) Physik eine Metaphysik der Natur, vor der praktischen
Anthropologie aber eine Metaphysik der Sitten voranzuschicken, die von
allem Empirischen sorgfältig gesäubert sein müßte, um zu wissen, wie
viel reine Vernunft in beiden Fällen leisten könne, und aus welchen
Quellen sie selbst diese ihre Belehrung a priori schöpfe, es mag
übrigens das letztere Geschäfte von allen Sittenlehrern (deren Name
Legion heißt), oder nur von einigen, die Beruf dazu fühlen, getrieben
werden.
Verstehen Sie jetzt, dass es als Nicht-Texter unabdingbar ist, so viele
Informationen wie möglich in einem einzigen Satz unterzubringen? Machen
Sie fleißig Gebrauch von den Möglichkeiten, die Ihnen die deutsche
Sprache bietet: Partizipien, Nebensätze, Verschachtelungen usw.
Kant sollte ab sofort der Schutzheilige aller Nicht-Texter werden. Sie
müssen Kant übrigens auch lesen, wenn Sie verstehen wollen, was reines
Denken ohne Anschauung ist. Kant kannte sich bestens aus mit der Welt:
Sein enorm umfangreiches Wissen über die Länder der Erde hat er allein
aus Lehrbüchern, Reisebeschreibungen usw. erlangt. Soweit ich weiß, verließ er Preußen nie.
Allgemeinbildung nein, Spezialwissen ja, learning by fernseeing
Allgemeinbildung ist äußerst unpraktisch, um nicht Texter zu werden, es sei denn, sie wird über das Fernsehen vermittelt.
Aber: Sammeln Sie möglichst viel Spezialwissen. Studieren Sie, was das
Zeug hält! Schauen Sie nie über den Tellerrand Ihres Spezialgebietes
hinaus! Sie brauchen einen Kopf, der bis in die kleinste Ecke
vollgestopft ist mit akademischem Fachwissen zu einem sehr speziellen
Gebiet, etwa als Philologe, der sich im alten Athen besser
auskennt, als in seiner Heimatstadt. Das bietet Ihnen optimale
Voraussetzungen, um nicht Texter zu werden. Wobei Sie dann wohl eher
als Nicht-Texter sehr akademische, seriöse und äußerst nützliche
Fach-Nicht-Texte verfassen werden.
Falls Sie keinen akademischen Weg beschreiten wollen: sehen Sie fern.
Auch das bildet. Im Fernsehen lernen Sie die wichtigsten Sachen fürs
Leben. Etwa: wie man Model wird. Oder Sänger. Sie lernen fremde Länder
kennen (denken Sie an Kant, Sie könnten dann Texter für
Nicht-Reisetexte werden). Sie können durch das Fernsehen auch lernen,
wie in einer Schokoladenfabrik Ihre Lieblingsschokolade von Maschinen produziert wird.
Dieses Fernsehen werden Sie brauchen. Denn als Nicht-Texter müssen Sie
oft Nicht-Texte zu ganz verschiedenen Themen schreiben: Reisen,
Kredite, Autos, Mode, Wellness u.v.m. Sie sehen also, wie wichtig es
ist, nicht öde Bücher zu lesen (außer Kant), sondern sich in die
schillernde Gegenwelt des Fernsehens zu begeben. Aber bitte meiden Sie
Sender wie Arte, die bringen einfach zu wenig Informationen über
Kredite, Autos, Mode, Wellness.
Ein Klischee, aber wahr: Zeit ist Geld
Weil Zeit Geld ist, und Sie ja als Nicht-Texter viel Geld verdienen
wollen, müssen Sie schnell schreiben. Am besten besuchen Sie erst
einmal einen Kurs für Schnellschreiben. Je schneller Sie schreiben,
desto besser für den Text. Ein Nicht-Text muss auch nicht überarbeitet
werden. Zeit ist Geld, also machen Sie sich gleich weiter an den
nächsten Text, nachdem Sie den ersten runtergetippt haben. Sie werden
staunen, wie viel Nicht-Text Sie in einer Stunde verfassen können.
Nur schlechte Nicht-Texte müssen reifen wie guter Wein.
Nicht umschréiben, sondern úmschreiben
Eine der wichtigsten Tätigkeiten beim Nicht-Texten ist das „Kopieren“.
Sie wollen ja nicht texten, und dazu müssen Sie úmschreiben, was das
Zeug hält. Als geeignet dafür hat sich User-generated-Content erwiesen,
der in Massen vorhanden ist, Wikipedia z. B., oder Blogartikel. Als
sehr geeignet zum Úmschreiben werden sich übrigens auch die Nicht-Texte
Ihrer künftigen Nicht-Texter Kollegen erweisen. Merksatz: Ein
úmgeschriebener Nicht-Text ist besser als ein Nicht-Text. Noch
besser ist ein úmgeschriebener úmgeschriebener Nicht-Text.
Bloß nichts anderes als Nicht-Texte schreiben
Als
Nicht-Texter, das ist der letzte Rat, den ich Ihnen für heute mit auf
den Weg gebe, sollten Sie auch nie über Ihre eigene Textsorte hinaus
texten. Journalistische Darstellungsformen sind viel zu schwierig zu
beherrschen, fiktionale Texte sind Texte für Träumer. Ganz besonders
gilt das aber für Briefe. Briefe sind altmodisch, selbst wenn sie durch
ein modernes Medium wie E-Mail übertragen werden.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig bei Ihrer Berufswahl behilflich sein.
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